Prof. Dr. Claus Tiedemann

Universität Hamburg
Institut für "Bewegungswissenschaft"
ehem. Fachbereich "Sportwissenschaft"
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Tipps für das Erarbeiten von mündlichen Referaten und ihren Vortrag
(für die TeilnehmerInnen meiner Lehrveranstaltungen)

aktualisiert: 16. August 2021

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Vorbemerkung:
Zum Anfertigen schriftlicher Hausarbeiten habe ich ebenfalls Tipps veröffentlicht. Da das mündliche Vortragen und das schriftliche Ausarbeiten zwei eng miteinander verbundene Phasen eines Prozesses sind, empfehle ich das Studium auch dieser Tipps (auch als PDF-Datei).



Wozu Referate?

Ich mache in meinen Lehrveranstaltungen regelhaft zum "Schein"-Kriterium, dass Sie zu einem von Ihnen wählbaren, mit mir abzustimmenden Thema ein mündliches Referat halten und danach die schriftliche Ausarbeitung dieses Themas vorlegen. Der Sinn einer solchen Anforderung ist, dass Sie dadurch lernen bzw. üben, ein Thema nach "wissenschaftlichen" Grundsätzen zu bearbeiten und Ihre Ergebnisse mündlich und schriftlich zu präsentieren.

Was ist eine "wissenschaftliche Arbeit"?

Eine "wissenschaftliche" Arbeit unterscheidet sich von anderen Arbeiten, wie sie z. B. Journalisten erstellen und veröffentlichen, vor allem dadurch, dass in "wissenschaftlichen" Arbeiten die Kontrollmöglichkeit für die (Hörer und) Leser bereitgestellt wird - bei schriftlichen Ausarbeitungen unaufgefordert und vollständig, bei mündlichen Vorträgen meistens nur auf Nachfrage bzw. in den visuellen Zusatz-Angeboten.

In der Leitung des hörenden (und später des lesenden) Publikums, in der Didaktik oder Rhetorik eines Referats (bzw. später der wissenschaftlichen Hausarbeit) besteht kein wesentlicher Unterschied - sollte auch nicht. Wissenschaftliche Präsentationen sollten genau so wenig trocken, dröge sein wie journalistische und andere Ausarbeitungen, zumal mündlich gehaltene Vorträge.

Weitere Kennzeichen, in denen sich wissenschaftliche Präsentationen von nicht- wissenschaftlichen Präsentationen unterscheiden (oft nur graduell), sind die genaue Formulierung der zu klärenden Frage oder des zu lösenden Problems, die Darstellung des "Stands der Forschung" zum Thema, die Erläuterung und Begründung der gewählten Methode(n) der Erkenntnisgewinnung, die zusammenfassende Darstellung der (neuen) Ergebnisse und letztlich die Anführung der benutzten Quellen und Literatur.

Formulierung des Themas:

Das Referatsthema muss zum Thema der Lehrveranstaltung passen, und es muss bearbeitbar sein (es muss z.B. dazu hinreichend Literatur geben). Hierauf achte ich bei der Vergabe der Referats-Themen. Sie sollten einen Themenbereich vorschlagen, zu dem Sie ein gutes emotionales Verhältnis haben; denn Sie brauchen möglicherweise viel Geduld und Ausdauer sowie Frustrations-Toleranz. Die Mühen sind manchmal groß und die Mittel (und Zeit)knapp - fast immer ist die Ausstattung unserer Bibliothek(en) nicht optimal, eventuell sind Sie auch noch nicht so geübt im Bewältigen schwieriger Situationen bei der Vorbereitung - und was der Gründe oder Anlässe für Verzagtheit noch mehr sein mag. Von einem Thema, das Sie selbst interessiert, springen Sie in solchen Krisen wohl nicht so leicht ab.

Zunächst formulieren wir gemeinsam ein (möglicherweise noch vages) Arbeits-Thema. Spätestens zwei Wochen vor Ihrem Vortragstermin sollten Sie mit mir die genauere Formulierung des endgültigen Themas besprechen; hierauf sollten Sie selber achten. Ändern Sie auf keinen Fall "unter der Hand" (ohne Rücksprache mit mir) das Thema! Wenn Sie im Laufe der Vorarbeiten feststellen, dass Sie sich in Ihrem Interesse verschätzt haben, oder dass Ihnen das Thema wohl doch zu groß erscheint, dann fragen Sie mich, ob das Thema doch noch - aus von Ihnen zu benennenden Gründen - anders formuliert werden kann.

Literatur-Suche:

Spätestens nach Verabredung des Arbeitsthemas sollten Sie auf die Suche nach Literatur gehen. Spätestens, weil es natürlich besser ist, wenn Sie sich schon vorher informiert und ein wenig "eingelesen" haben. Leider nutzen nach meiner Erfahrung nur sehr wenige von Ihnen diese Möglichkeit, die sie aufgrund meiner Aushänge und Internet-Ankündigungen spätestens seit der letzten Woche der vorhergehenden Vorlesungszeit regelhaft haben.

Meistens muss es dann mit der Literatursuche also leider schnell gehen. Dafür sind Erfahrung und Routine natürlich nützlich; die können Sie durch Übung erwerben.

Es gibt viele Wege, an Literatur "heranzukommen": Sie können die meist schon im Internet zur Verfügung stehenden Kataloge der (Uni- und Fachbereichs-) Bibliotheken durchsuchen; Sie können zum Thema in anderen Internet-Datenbanken recherchieren; Sie können in Bibliotheken gehen und die Bestände "zu Fuß" sichten; Sie können die neuesten Fachzeitschriften durchblättern auf der Suche nach Buch-Besprechungen oder anderen Beiträgen zum Thema; Sie können (zum Einstieg) auch erst einmal "googeln" usw. Versuchen Sie, möglichst neue Veröffentlichungen zu finden; denn wenn in ihnen das Thema (oder zumindest ein Aspekt) gründlich bearbeitet worden ist, müsste sich von hier aus aufgrund der verarbeiteten und erwähnten Literatur die ältere Literatur erschließen.

Es gibt besondere sportwissenschaftliche Recherche-Hilfsmittel: Die Datenbank des Bundes-Instituts für Sportwissenschaft (BISP) in Köln, neuerdings genannt "SURF", ist online frei recherchierbar; sie enthält über 176.000 Literaturhinweise (Stand: 31.12.2010) mit Kurzreferaten nationaler und internationaler sportwissenschaftlicher Literatur - mit direktem bzw. indirektem Zugriff auf die Volltexte.

Auf die online-Recherche-Möglichkeiten in der eher trainingswissenschaftlich ausgerichteten Datenbank "SPOWIS" des ehemaligen Leipziger Instituts für angewandte Trainingswissenschaft (IAT) möchte ich der Vollständigkeit halber hier auch verweisen; sie enthält allerdings nur Literatur bis 1995.

Sehr lesenswert ist der Beitrag Jürgen SCHIFFERs zur Einschätzung des Werts unterschiedlicher sportwissenschaftlicher (online-) Bibliographien: SCHIFFER, Jürgen: Fachbibliografien als Mehrwert-Informationsdienste der Sportwissenschaft - u.a. am Beispiel einer Bibliografie zum Marathonlauf. In: dvs-Informationen, Hamburg, 18 (2003), Heft 1, S. 29 - 34.

Literatur-Sichtung:

Wie auch immer Sie vorgegangen sein werden, Sie müssen nun die Literatur sichten (also zumindest kurz zur Kenntnis nehmen, "diagonal lesen" o.ä.), um entscheiden zu können, welche Beiträge von den hoffentlich zahlreichen gefundenen Sie wohl ganz genau und sorgfältig lesen müssen. Dies benötigt Zeit - unterschätzen Sie das nicht! Wenn Sie in Ihrem Urteil über "gute" oder "schlechte" Fach-Literatur noch nicht sicher sind (und wer wäre das schon als Studierender?), dann hilft prinzipiell nichts als Lesen, Lesen, Lesen, und dann das Gelesene Sichern (z.B. in selbst geschriebenen Zusammenfassungen) und - eben - selbst beurteilen. Je früher Sie sich an Gründlichkeit in dieser Arbeitsphase gewöhnen, desto früher werden Sie sich ein sicheres und routiniertes Urteil erwerben, das Ihnen viel Zeit ersparen kann.

Ich gebe Ihnen für meine Lehrveranstaltungen meistens (umfangreiche) Literatur-Zusammenstellungen (online) an die Hand. Sie stellen natürlich nur eine subjektive Auswahl dar, die ich vorher getroffen habe und meist nachträglich noch ergänze (ich lerne ja auch ständig dazu). Zumindest bei Ihrer spezialisierten Literatur-Suche mögen Sie auf Veröffentlichungen stoßen, die es wert wären, in diese veröffentlichte Literaturliste aufgenommen zu werden. Deshalb stehen meine Zusammenstellungen unter dem Vorspruch "für Hinweise und Korrekturen bin ich dankbar".

Seit ich mich gründlich mit den zentralen Begriffen der Kultur- und Sportwissenschaft beschäftigt und meine Überlegungen und Vorschläge dazu (öffentlich) vorgetragen und (zumindest im Internet) veröffentlicht habe, setze ich voraus, dass Sie diese meine Veröffentlichungen kennen. Sie müssen meine Definitions-Vorschläge selbstverständlich nicht "übernehmen"; es sind und bleiben meine Vorschläge - formulieren Sie Ihre eigenen! Ich erwarte aber, dass Sie sich zu meinen Vorschlägen eine begründete Meinung gebildet haben, die Sie in Ihren mündlichen und schriftlichen Ausführungen auch darlegen.

Meine definitorischen Bemühungen um zentrale Begriffe der Sport- und Kulturwissenschaft aktualisiere ich ständig im Internet, zunächst natürlich zum Sport-Begriff, dann auch zu weiteren Begriffen: zu "Bewegungskultur", zu "Kunst", zu "Gewalt" sowie "Überlegungen zum "Gewalt"- und "Aggression"s-Begriff, zum "Olympismus" und zu "Frieden".

In jedem Fall lohnt sich das Studium der Website, auf der ich meine Internet-Veröffentlichungen vollzählig (und aktualisiert) aufgelistet habe.

Vorbereitung des mündlichen Referats:

Nach der Literatur-Sichtung haben Sie - je nach dem Termin, an dem Sie Ihr Referat halten sollen (das bestimme ich so früh wie möglich mit allen TeilnehmerInnen gemeinsam) - mehr oder weniger Zeit, sich auf ihre mündliche Präsentation vorzubereiten. Die können Sie vollständig schriftlich festlegen, Sie können sich aber auch - schon etwas Sicherheit im mündlichen Vortrag vorausgesetzt - auf wenige schriftliche Gedächtnisstützen beschränken; dies bleibt Ihnen (und Ihrer Selbst-Einschätzung) überlassen.

Wichtig ist mir, dass das Referat eben mündlich vorgetragen wird. Ich bin deshalb ein prinzipieller Gegner von "Powerpoint"- Präsentationen insofern, als sie im optischen Präsentieren der dazu vorgelesenen Texte bestehen. Bei solcher visuell und akustisch gedoppelten Information geht das Wichtigste eines mündlichen Vortrags verloren, nämlich die akustische - und durchaus auch Ihre persönliche, leiblich-gestische - Vortragsweise. Wenn wir Menschen sowohl optische als auch akustische Sinnes-Angebote erhalten, geben wir den optischen den Vorrang: Fast alle blicken auf die Projektionsfläche mit Text (oder Abbildungen), und das dazu gesprochene Wort geht weitgehend unter. Dies halte ich für einen (selbst-verursachten!) großen Verlust an Lern- und Übungs-Möglichkeiten, und deshalb wünsche ich in meinen Lehrveranstaltungen keine derartigen Präsentationen.

Wenn Sie Ihrem mündlichen Vortrag auch Abbildungen hinzufügen wollen, dann können Sie das selbstverständlich gern tun, auch mit Powerpoint oder anderer Software vom Notebook per Beamer (bereiten Sie sich rechtzeitig darauf vor!), oder nach älterer Technikmit Folie und Overhead-Projektor (in den Seminarräumen wohl noch vorhanden). Wichtig ist mir, dass diese optischen Zusatz-Informationen etwas vermitteln, was sich nicht (oder nur ganz langatmig) mit Worten vermitteln ließe.

In meinen Lehrveranstaltungen lege ich den größten Wert auf die sprachliche Kommunikation - in klarem Deutsch und in ganzen Sätzen. Meiner Beobachtung nach gibt es auf diesem Feld großen Nachhol- und Übungs-Bedarf.

Wenn Sie nicht sehr kurzfristig mit Ihrem Referat dran sind, richten Sie sich bitte darauf ein, dass Sie - wie unvollständig auch immer Ihnen Ihre Vorbereitung erscheinen mag - eine Sitzung vorher mir und den KommilitonInnen eine kurze (bitte nur 1 Seite!) schriftliche Vorab-Information zur Verfügung stellen, in der Sie Ihren Namen, Ihr Thema und die weiteren sinnvollen Rahmen-Informationen geben und vor allem Ihre Thesen bzw. Fragen formulieren, die den Kern Ihres Vortrags ausmachen sollen, sowie dazu höchstens drei Literatur-Angaben. Damit versetzen Sie (mich und) Ihre Kommilitonen in die Lage, sich auch ein wenig auf Ihr Referat vorzubereiten und nach Ihrem Referat interessante Nachfragen zu stellen. Wenigstens dieses Angebot sollten Sie schon machen, auch wenn leider meiner Erfahrung nach nur wenige Kommilitonen davon Gebrauch machen.

Natürlich habe ich bei den früh zu haltenden Referaten mehr Verständnis für etwaige Schwächen und Lücken Ihres Referats als bei den späteren - vermutlich auch Ihre Kommilitonen. Sie alle haben ja die (Aufgabe und) Chance, etwaige Unzulänglichkeiten in der schriftlichen Hausarbeit zu korrigieren, für deren Abgabe Sie alle Zeit bis zum Ende der Semesterferien haben.

Der Vortrag, die mündliche Präsentation:

Zunächst zum formalen Rahmen: Sie werden nur eine bestimmte Zeit für Ihren Vortrag haben; dies hängt davon ab, wie viel Referate in der Lehrveranstaltung "untergebracht" werden müssen. Bei normalerweise zweistündiger Dauer (= 90 Minuten!) und nur einem Referat pro Sitzung teile ich gern auf in 40 Minuten für den Vortrag und 40 Minuten für die anschließende Besprechung. Bei zwei Referaten pro Sitzung halbieren sich die Zeiten. Auf diesen zeitlichen Rahmen und diese Zwei-Teilung in Vortrags- und Diskussions-Zeit stellen Sie sich bitte ein.

Wenn Sie sicher sein wollen, dass Sie in der vorgegebenen Zeit auch alles Ihnen Wichtige vortragen können, müssen Sie in Ihrem vorbereiteten "Wissen" meist sehr gründlich aufräumen - je kürzer die zur Verfügung stehende Zeit, desto mehr. Unterschätzen Sie die Mühe nicht, die das macht!

Eine gute Möglichkeit zu prüfen, wie sie mit der Zeit auskommen, ist, dass Sie Ihr Referat schon einmal mit Blick auf die Uhr halten. Meine eigene Erfahrung ist aber, dass ich beim mündlichen Vortragen eines Textes, den ich zu Hause in 20 Minuten "runter-gelesen" habe, mindestens 25 Minuten brauche; denn erstens spreche ich beim Vortrag vor Publikum (mit Absicht) deutlicher und eben langsamer als zu Hause, und zweitens kenne ich mich so, dass mir beim mündlichen Vortrag manchmal doch noch die eine oder andere Ergänzung sinnvoll oder nötig erscheint - und das alles "kostet" Zeit. Wenn auch Ihnen diese Erfahrung nicht fremd ist, planen Sie also vorsichtshalber etwas weniger Vortrags-Zeit ein als maximal vorgegeben - damit sind Sie auf der sicheren Seite.

Denken Sie daran, dass später in Ihren Abschluss-Prüfungen ebenfalls Zeit-Grenzen vorgegeben sind, die in dieser Situation auch sicher strikt eingehalten werden! Mit Ihren Referaten können Sie auch für diese dann wirklich entscheidende Situation Erfahrung sammeln und üben.

Denken Sie bitte auch daran, dass Sie Ihre Hörer und Zuschauer nicht "nerven", indem Sie mit den technischen Hilfsmitteln "kämpfen" (wegen unzureichender Vorbereitung) oder "spielen". Die Nutzung der verschiedenen technischen Hilfsmittel sollten Sie vorher gut erwogen (so wenig wie möglich, so viel wie nötig) und gründlich geübt haben; denn auch dieser Bestandteil Ihres Referats braucht seine Zeit. Im Zweifel ist eine Folien-Präsentation, die klappt, sicherer und besser als eine (aufwändig vorbereitete) Powerpoint-Präsentation, die nicht klappt (aus welchen nicht vorhergesehenen Gründen auch immer).

Wenn Sie etwas als Ihre (neue) Erkenntnis vortragen wollen, stellen Sie bitte Behauptungen (Thesen) auf, die Sie dann begründen und erläutern. Wenn Sie auf Erkenntnis-Lücken gestoßen sind, formulieren Sie bitte Ihre (neuen, sich daraus ergebenden) Fragen und erläutern Ihren Zuhörern, wie weit Sie mit Ihren Erkenntnissen gekommen sind, und mit welchen (Forschungs-) Methoden und Mitteln die offenen und ungeklärten Fragen möglicherweise geklärt bzw. beantwortet werden könnten. Führen Sie die Zuhörer an die Grenzen Ihres (eigenen) Wissens und „wagen“ Sie streitbare und bestreitbare Urteile! Die schiere Wiedergabe von Fachbuch-Wissen ist selten interessant. Auch in der Wissenschaft ist (wie im Sport) die Annäherung an die eigenen (Leistungs-) Grenzen das Interessante.

Sprechen Sie klar und langsam! Versuchen Sie jedenfalls nicht, durch schnelles Sprechen in der maximal vorgegebenen Zeit noch mehr Inhalt "rüber zu bringen"! Sie müssen auch gar nicht die Ihnen maximal zur Verfügung stehende Zeit "ausnutzen". Wenn Sie zwar 20 Minuten "hätten", aber nach 15 Minuten das Ihnen Wichtigste vorgetragen haben, ist das gut. Dann steht eben noch mehr Zeit für die Diskussion zur Verfügung.

Ich habe häufig erlebt, dass Studenten trotz meiner Empfehlungen, die auf ein ununterbrochenes Referat zielen, ihre Kommilitonen dazu auffordern, während des Vortrags spontan Fragen zu stellen, auf die sie dann - meistens recht langatmig - antworten. Dies kann ich einerseits verstehen, weil so möglicherweise Verständnis-Lücken gleich geschlossen werden können; aber andererseits wird damit fast immer die besondere Übungssituation aufs Spiel gesetzt - und verloren, die ein "geschlossener" Vortrag eben darstellt. Versuchen Sie als Referenten möglichst, dieser wohl auch aus Prüfungsangst entstehenden Versuchung nicht nachzugeben; Sie bringen sich sonst um den Übungseffekt einer solchen Situation. Es ist auch für die zuhörenden Kommilitonen eine gute Übung, sich Fragen und Anmerkungen während Ihres Vortrags zu notieren und sie erst nach Schluss zusammengefasst zu äußern.

Die Diskussion Ihres Referats:

Die Zwei-Teilung in Zeit für Ihre mündliche Präsentation und Zeit für eine anschließende Diskussion erscheint mir sinnvoll, weil auf diese Weise die Zuhörer (auch ich) mit Ihnen in einen Dialog kommen können. Sinnvoll erscheint mir, dass zunächst Fragen zum Verständnis gestellt werden können, beispielsweise zur Bedeutung der von Ihnen benutzten (zentralen) Begriffe, Bitten um Erklärung eines nicht ganz verstandenen Zusammenhangs usw. Danach erscheint es mir wünschenswert, dass die Zuhörer Sie um weitere Erklärungen und Begründungen bitten zu den von Ihnen vorgetragenen Thesen, dass sie Fragen, eventuell Widerspruch zu bestimmten Aussagen anmelden, neue Aspekte zum Thema einbringen usw.

Dieser Teil gehört für mich wesentlich zu Ihrem Referat, das nicht ein "erschlagender" Frontal-Vortrag sein soll, sondern eine lebhafte Auseinandersetzung mit dem gestellten Thema unter Einbeziehung des Publikums (wohlgemerkt:nach dem Referat!). Damit das Publikum solche produktiven Beiträge leisten kann, sollten Sie ihm rechtzeitig vorher die oben erwähnten Hinweise (mit dem "ein-seitigen" Informationspapier) gegeben und Ihre Ausführungen klar und vor allem bestreitbar formuliert und vorgetragen haben; und das Publikum sollte seinerseits sich auf das Referats-Thema wenigstens ansatzweise vorbereitet sowie während des Referats Notizen gemacht haben, damit es klare, weiterführende Thesen und Fragen in die Diskussion einbringen kann.

Dies ist leider oft nur (m)eine Ideal-Vorstellung. Das kann einerseits daran liegen, dass Sie schon vor dem Vortragen, noch mehr aber möglicherweise vor der anschließenden Diskussion Angst haben (vor Blamage). Ich vertrete als Moderator unserer gemeinsamen Lernsituation (!) die Haltung, dass niemand "perfekt" sein muss (ich selbst übrigens auch nicht) und dass wir alle aus Fehlern lernen können. Eine solche einerseits bescheidene Grundhaltung verträgt sich gut mit dem Bestreben, andererseits so gut wie möglich zu sein. Auch diese Haltung verstehe ich als ein Lern- (bzw. Lehr-)Ziel meiner Lehrveranstaltungen.

Ihre Kommilitonen werden dieses emotionale Dilemma (Perfektionsstreben einerseits sowie Erkenntnis und Erfahrung eigener Grenzen und Schwächen andererseits) vermutlich selber kennen und wahrscheinlich auch fürchten (narzisstische Kränkung). Deshalb werden sie möglicherweise aus (falscher) Rücksicht Ihnen gegenüber zögern, Fragen zu stellen und Widerspruch anzumelden. Welches auch immer die Gründe dafür sein mögen, dass die von mir angestrebte lebhafte Auseinandersetzung - nach dem Vortrag! - leider selten stattfindet: Denken Sie bitte darüber nach, ob Sie gern so "geschont" werden wollen, oder ob Sie nicht lieber das "Risiko" eingehen wollen, in einer ernsthaften und "scharfen" Befragung Rede und Antwort stehen zu müssen (wie später in richtigen Prüfungen).

Ich werde als Lehrender und damit als Verantwortlicher dafür zu sorgen versuchen, dass solche Ängste sich als unbegründet erweisen, dass das "Klima" solidarisch und lernorientiert ist, sodass Sie zunehmend mutig werden und in den (öffentlichen) "Streit um die Wahrheit" eintreten, damit Sie zunehmend in ähnlichen Situationen mit dafür sorgen können, dass solche Ängste für Sie und für andere an Bedeutung verlieren.

Einzel- oder Gruppen-Referate:

Einzelreferate haben den Vorteil, dass der Erfolg (oder Misserfolg) Ihrer Arbeit ganz klar Ihnen allein zuzurechnen ist; Sie erhalten eine eindeutige Rückmeldung. Dies ist bei Gruppenreferaten naturgemäß nicht so. Miteinander (wissenschaftlich) arbeiten zu lernen ist sehr sinnvoll und irgendwann auch nötig; aber notwendige Voraussetzung dafür ist die individuelle Arbeitsfähigkeit. Das spricht grundsätzlich für Einzelreferate. Wenn aber an der Lehrveranstaltung mehr Personen teilnehmen, als es mögliche Referatstermine gibt (und das ist leider der Regelfall bei unseren überfüllten Lehrveranstaltungen), müssen (zumindest teilweise) auch Gruppenreferate erarbeitet und präsentiert werden.

Versuchen Sie dann bitte in Ihrer Gruppe, die Verantwortlichkeit für die untereinander vereinbarten Teilbereiche des Themas so zu gestalten, dass jedes Gruppenmitglied durch die Präsentation „seines“ Teils die Möglichkeit erhält, eine klare Rückmeldung über Erfolg (oder Misserfolg) seiner Bemühungen zu erhalten. Wenn Sie ein Gruppenmitglied irgendwie „mit durchschleppen“ sollten, täten Sie ihm im Prinzip keinen Gefallen - wie „sozial“ auch immer solches Tun erscheinen mag; es ginge auf jeden Fall auf Kosten der individuellen Kontrolle des Lernerfolgs, die auch bei Gruppenreferaten das Ziel bleiben muss.

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